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„Wie war es gestern Abend?“ Sabine sah ihre Freundin an. Es war einer dieser Novembertage, die mit Regen beginnen, der am frühen Nachmittag aber von Sonnenschein abgelöst wurde. So saßen sie in Decken gewickelt auf ihrer Terrasse und tranken einen Aperitif.
„Engel, heute ist Mittwoch, lass uns von etwas Angenehmerem sprechen.“ Sie hielt das Gesicht in die Sonne, zog die Strickjacke aber etwas enger. Sabine lächelte. „So schlimm?“ Martina stöhnte. „Nein, so schlimm nicht. Nun ja, in gewisser Weise schon. Als Kommandeur der Marineinfanterie hat er im Prinzip gute Aussichten. Aber er scheint mit seinem Posten unzufrieden.“ „Ich hab gehört, er liegt, wie unser guter Reser-Weiden, im Klinsch mit einigen im Generalstab.“ Sie lächelte ihre Freundin an. „Ja. Nur, dass er nicht ganz so viel drauf hat, wie unser lieber Freund.“ Martina sah auf. „Der manchmal sachlicher als freundschaftlich ist.“ „Ich höre da doch wohl nicht etwa gekränkte Eitelkeit heraus?“ Martina schüttelte den Kopf. „Nein, keine gekränkte Eitelkeit. Ich würde nur gern wissen, ob er schwul ist oder irgendwo eine Frau sitzen hat.“ Sie zog lächelnd eine Schnute. „Aber lass uns das Thema wechseln. Wo bleibt Dein kleiner Schulfreund denn?“ „Herzchen, es ist gerade fünf Uhr. Als er einmal vor sechs kam, hast du ihm gehörig die Meinung gesagt. Du wirst dich wohl noch ein bisschen gedulden müssen.“ „Ich hab Hunger.“ Martina spitzte den ohnehin wenig breit angelegten Mund. Sabine lächelte. „Meine süße, kleine Zicke. Dann wirst du so lange warten oder selbst kochen müssen.“ „Ja, ja. Ich halt es ja schon noch aus.“ Sie sah zu Sabine, zog erst die Brauen zusammen und lachte dann. „Er soll dann aber nicht trödeln.“ „Sicher wird er sich ein Bein ausreißen, wenn du nur die Andeutung eines kleinen Hüngerchen machst.“ Sabine beugte sich zu ihrer Freundin und gab ihr einen Kuss. „Würde ich vermutlich auch für dich machen, wenn ich ein Mann wäre.“
Markus empfand Kochen ganz und gar nicht als lästige Pflicht. In der WG kochten sie oft zusammen, und dort hatte er es schätzen gelernt. Es machte Spaß, mit seinen Freunden über den Tag zu sprechen und sicherlich freute er sich auch auf das Resultat. Wenn nun Sabine mit einem Glas Wein neben ihm stand und auch gelegentlich helfend eingriff, so genoss er das Kochen noch mehr. Ein weiterer Grund für die Freude an der Zubereitung war die Küche. Er war schon einige Male hier oben in der Wohnung mit der Dachterrasse gewesen. Und allmählich hatte er aufgegeben sich zu fragen, wie die Mädchen an eine solche Wohnung gekommen waren. Zudem gab es in dieser Wohnung Dinge, die niemals in normale Geschäfte gelangten. Der Handel mit den unabhängigen Regionen Europas und der arabischen Welt schien für einen Großteil verantwortlich zu sein. Aber auch die heimische Hochtechnologie war adäquat vertreten. Das fing mit dem Kühlschrank an. Denn er brummte nicht. Gewöhnlich surrte er noch nicht einmal. Er stand einfach da und kühlte. In Markus‘ WG waren vier Leute gemeldet, und das berechtigte sie zu einem eigenen Kühlschrank. Dieser brummte. Und wenn, was gerne geschah, der Strom für eine Weile ausblieb und dann wieder einsetzte, brummte er nicht, er wackelte. Der Kühlschrank der Mädchen pflegte in solchen Situationen kurzfristig in ein feines Summen überzugehen, ehe er dann wieder still wurde. Die Stromausfälle waren an sich nichts Schlimmes. Man zündete eine Kerze an. Man ignorierte den Kühlschrank. Nur beim Kochen konnte es zu Problemen führen. Die Mädchen kannten dieses Problem nicht. Sie hatten einen Gasherd. Markus fand Gasherde wunderbar. Es gab jedoch ein Problem: als Normalsterblicher bekam man weder Gasherd noch Gas. Biogase gab es im Prinzip in ausreichender Menge. Die Schwierigkeiten lagen in der Abfüllung und im Transport. Also wurde das Gas fast ausschließlich zur Strom- und Fernwärmeerzeugung genutzt. Nur für die teuersten Stadtteile – wie diesen – wurde das Gasnetz instand gehalten. Markus entzündete eine Flamme und setzte Reis auf. „Wo steckt Martina?“ „Sie sitzt auf der Terrasse und leidet.“ Sabine kramte Schweinefleisch, Gemüsefond, Kokusmilch und Zuckerschoten hervor. „Was macht die Gute leidend?“ „Sie hat fürchterlichen Hunger.“ „O je. Ein grausames Los.“ Sabine lachte. „Was würden wir nur ohne Deine Kochkunst machen?“ Markus hatte die Dinge, die seiner Zubereitungskünste harrten, übernommen und hielt nun kurz inne. „Ja. Was macht ihr ohne mich?“ „Nun, zumindest kochen wir in der Regel nicht – außer morgendlichen Heißgetränken, natürlich.“ „Ihr esst immer auswärts?“ Er wies auf die Zutaten. „Ich nehme an, das ist mit Curry geplant. Habt ihr welches?“ Sabine kramte im Gewürzschränkchen. „Ja, wir essen eigentlich nur mittwochs zu Hause.“ „Weshalb die Küche wohl auch immer so sauber ist.“ „Sie wäre es vielleicht nicht, wenn sie nicht gelegentlich einer Reinigung unterzogen werden würde.“ Sie reichte ihm das Currypulver. „Womit ich zielstrebig, wie ich bin, schon die nächste Frage am Wickel habe. Wer, um alles in der Welt putzt denn bei Euch?“ „Was denkst du?“ „Hm.“ er musterte sie. „Wenn ich Unwahrscheinliches überspringe, muss ich annehmen, dass es eine Reihe von Gentlemen gibt, die sich darum streiten, hier nackt putzen zu dürfen.“ „Wir hatte es nach allerlei Anfragen kurz erwogen, uns dann aber entschlossen, die Gentlemen draußen zu lassen.“ „Also habt Ihr eine ganz gewöhnliche Putzfrau?“ „Nun ja, ganz gewöhnliche Putzfrau. Sagen wir: eine Perle. Das klingt freundlicher.“ „Ich wünschte, wir hätten eine Perle.“ „Na, immerhin darfst du hier rumsauen, ohne dich um die Folgen zu kümmern.“ „Ich hab es wirklich gut.“
Martina stand in der Sonne. Sie hatte die Augen geschlossen und schien zu träumen. Markus ging auf die Terrasse und vergaß bei Martinas Anblick, sich eine Zigarette anzustecken. Er folgte mit seinem Blick ihrer langen geraden Nase, sah die leicht geöffneten Lippen und schüttelte schließlich beim schlank zulaufenden Kinn den Kopf. Die Welt ist ungerecht, sagte er sich, aber sonst wäre sie wohl auch langweilig. Martina hatte seine Gegenwart gespürt. „Hallo Kleiner.“ sagte sie. „Hallo Schöne“, grüßte Markus sie aus der Distanz. Sie hatten sich in den vergangenen Monaten stets zu dritt getroffen. Markus wusste Martina nicht recht einzuschätzen, aber er mochte ihre Gegenwart und seine schien sie zumindest nicht sehr zu stören. Ihr Gesichtsausdruck war entspannt. Die Augen fast geschlossen, sah sie zur Sonne, die kurz davor war, sich im Untergang rot zu färben. „Fragst du dich manchmal, ob du alles richtig machst?“ „Nein. Eigentlich nie.“ „Dann fragst du dich auch nicht, ob wir alles richtig machen?“ „Nein. Tu ich nicht. Aber ich bin sicher: Ihr macht alles richtig.“ „Und du hinterfragst das nicht?“ Markus zuckte mit den Schultern. „Zeitverschwendung. Ihr werdet das schon allein überblicken.“ Martina lächelte aus einem Mundwinkel. „Ich glaube, du hast recht.“ Sie legte wenige Falten zwischen die Brauen und sagte. „Manchmal taugst du doch zu etwas.“ Markus sah ihr einen Moment in die Augen, schob die Lippen vor, nickte. „So trägt jeder tapfer sein Päckchen.“
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