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Kap1.11 Senatsdebatten Drucken

Der Chef der Abwehr Sowinski hatte sich die Senatsdebatte angehört und war kommentarlos in sein Büro gegangen. Er war unzufrieden, nicht über den Ausgang der Debatte, sondern über deren Gegenstand.

Das Parlament hatte mit den Stimmen der arbeiternahen Abgeordneten und den Vertretern des Unternehmerflügels eine Gesetzesvorlage an den Senat weitergereicht. Dieser hatte die Vorlage erwartungsgemäß abgelehnt. Der fahle Beigeschmack für den Admiral blieb. Er lehnte gegen seinen Schreibtisch und trommelte leise mit der Faust darauf. Sein schlankes, furchiges Gesicht blickte auf den Boden. Dann sah er seinen Begleiter an. „Diese Parlamentarier entwickeln sich mehr und mehr zu einem Krebsgeschwür.“
Er sprach zu Reser-Weiden, der die Debatte auf Bitten Sowinskis mit angehört hatte. „Sie wissen so gut wie ich, dass Beschlüsse dieser Art niemals durchkommen. Das Parlament hat in erster Linie Kontrollfunktion und darf Gesetzesvorhaben nur vorschlagen. Und der Senat steht fest zur Regierungslinie.“
„Das galt auch einmal für das Parlament.“ Sowinski unterdrückte ein Schnauben.
„Herr Admiral, die Senatoren werden vom Präsidenten bestätigt. Es ist undenkbar, dass die Liberalen dort eine Mehrheit bekommen.“
Sowinski missfiel der Ausdruck Liberale. Ein Wort, das seiner Meinung nach zu positiv behaftet war. Er war aber zu lange bei den Geheimdiensten, um dieser Gruppe zu trauen. „Sie müssen doch zugestehen, Herr Oberstleutnant, dass die werten Herren Volksvertreter die Bedrohung des Staates von außen in jüngster Zeit zu vergessen scheinen.“ Er zündete sich eine Zigarette an.
„Nun gut, aber selbst der nun vorgelegte und abgelehnte Gesetzesentwurf verbietet Streiks im Falle äußerer Krisen. Eine gewisse Flexibilisierung und Mitsprache in einzelnen Bereichen der Wirtschaft würde das Land auch kaum in den Abgrund stürzen.“
„O ja. Ich habe Ökonomie studiert, mein Herr, und verstehe die Argumente: Betriebliches Vorschlagswesen und Mitbestimmung sollen der Wirtschaft zusätzliche Impulse verleihen, das Wachstum beschleunigen und neben glücklichen Arbeitern auch noch kreative, marktgerechte Produkte und Dienstleistungen hervorbringen.“ Er sah mit seiner gebogenen Nase hinauf zu dem hoch gewachsenen Offizier. „Ja. Nur ist die Wirtschaftspolitik nicht für rasantes Wachstum, Kreativität oder Arbeiterglück verantwortlich, sondern einzig für Stabilität. Die oberste Prämisse des wirtschaftlichen Handelns ist die Sicherstellung der Verteidigungsbereitschaft. Erst dann folgt die Versorgung der Bevölkerung mit Nahrung, Kleidung und Unterkunft. Und erst danach kommen Verbrauchsgüter und Dienstleistungen des täglichen Lebens, und ganz am Ende ist Platz für Firlefanz, Luxusgüter und Glück.“
Reser-Weiden öffnete die Hände. „Das Parlament denkt, die Situation lässt Weiterentwicklungen in Randbereichen zu. Die Wirtschaft ist robust.“
Sowinski schüttelte den Kopf. „Nein, mein lieber Reser-Weiden, wir würden nicht gleich in den Abgrund stürzen. Ich behaupte sogar, dass wir heute nicht am Abgrund stehen. Aber…“ Er drückte seine fast ungenutzte Zigarette wieder aus. „Aber ich werde alles daran setzen, dass wir uns nicht in Richtung dieses Abgrunds bewegen. Und von Ihnen als Mitglied des Generalstabs erwarte ich, dass Sie mich dabei unterstützen.“ Er sah seinen Begleiter an und nickte dann langsam. „Entschuldigen Sie. Das ist nicht unser Thema. Ich habe Sie zu mir gebeten, um mich mit Ihnen über Ihren Operationsplan und Ihre aktuellen Gespräche mit dem Präsidenten zu unterhalten.“
„Ich bin nur Oberstleutnant, Herr Admiral. Ich bin sicher, der Herr Präsident wird Ihnen sehr viel ausgiebiger als mir sein Ohr leihen.“
„Der Präsident leiht mir, Ihnen und tausend anderen sein Ohr. Und eine Souffleuse scheint besonderen Einfluss zu besitzen.“ Sowinski sah seinen Besucher müde an. „Hatten Sie bereits Gelegenheit, die gute Elisabeth von Rechtensberger kennen zu lernen?“
Reser-Weiden nickte. „Ich hatte das Vergnügen.“
„Ja, Sie ist eine schöne Frau. Nun, wenn Sie schon länger hier am Hof zu tun gehabt hätten, wüssten Sie, dass der Präsident am Rockzipfel seiner Frau, dieser ehemaligen Krankenschwester, hängt. Da erzähle ich Ihnen kein Geheimnis. Jeder im Stab oder in der Regierung wird es Ihnen bestätigen können. Nein, mein lieber Herr Reser-Weiden, ich habe Sie heute nicht eingeladen, weil mir Ihre Gespräche mit dem Marschall missfallen. Sie sind noch jung, und das Thema, zu dem Sie Ihre Meinung äußern, sehe ich auf einer Zeitskala, die über die Regierungszeit unseres verehrten Herren Marschalls von Rechtensbergens hinausgeht.“ Auf seinen Mund schlich sich ein Lächeln. „Sie sind ein kluger Mann, und es wäre nur angemessen, wenn Sie nach Ihrem gegenwärtigen Posten ein weit reichendes Kommando bekämen, das Ihnen erlauben würde, an den maßgeblichen Fragen der Zukunft mitzuarbeiten. Ihre Stellung als Leiter der Militärgeschichte im Moment ist nicht mehr als ein Testfall. Sie wissen das.“
Reser-Weiden schluckte diese Mischung aus Angebot und Drohung, ohne seinen Gesichtsausdruck zu verändern. „Herr Sowinski, ich trage mit meinem Vorschlag zur aktuellen Diskussion bei. Der Hintergrund ist aber nicht der, mich ungebührlich zu profilieren oder meine Vorstellungen gegen begründete Widerstände durchzusetzen. Ich bin Soldat. Als solcher versuche ich den Interessen dieses Landes zu dienen. Am Ende muss aber die Armeeleitung entscheiden, wie und in welcher Position ich das tue.“
„Reden wir offen, Herr Oberstleutnant. Ich sage Ihnen, welche Schlüsse ich in Ihren Plänen sehe. Der Status Quo ist nach dem letzten Krieg nicht stabil, früher oder später wird eine Seite versuchen wollen, eine Entscheidung herbeizuführen. Die von Ihnen vorgeschlagenen militärischen Operationen zielen auf ein erneutes, vielleicht stabileres Patt hin, aber nicht auf den Sieg.“
„Die Niederlage der Förderation wird langfristig aus ihr selbst herauskommen.“
„Und ich sage Ihnen, das wird nur geschehen, wenn wir sie vorher militärisch schlagen, wenn wir sie auf dem Felde demütigen. Herr Reser-Weiden, Ihr nur schwach verdecktes Ziel ist es, sich der Gewalt der Förderation zu beugen und einen schmachvollen Frieden anzustreben.“
„Herr Admiral, wenn es einen Leitgedanken bei meinen Plänen gibt, dann ist es der, Verluste und Risiken für unser Land zu minimieren.“
„Das ist leeres Gewäsch. Jeder Soldat möchte Verluste und Risiken minimieren. Aber ich versichere Ihnen, zu einem Frieden kann es nur aus der Position der Stärke kommen. Alles andere sind Utopien. Und ich werde nicht mit ansehen, dass Sie diese Hirngespinste weiter verbreiten.“