|
„Seit einem Jahr!“ Kramer atmete tief ein und schüttelte den Kopf. „Seit einem Jahr wissen Sie davon? Das wird ein Riesendonnerwetter im Parlament geben!“ Kramer verzog, nun ruhiger geworden, die Stirn. „Dieses Verhalten dürfte kaum dazu angetan sein, die, wie man hört, im Raum stehende Kandidatur Ihres Chefs auf einen Ministerposten zu unterstützen.“
Das Treffen fand in einem Besprechungsraum im Kieler Landtagsgebäude statt. Der Sitz des Parlamentes war in Kopenhagen. Nur tagten die Volksvertreter dort selten in voller Stärke. Die Landtage schickten Mitglieder aus ihren Reihen etwa einmal im Monat dorthin. Den Rest der Zeit verbrachten sie mit Regionalpolitik in den Tagungsstädten der Bundesländer. Die parlamentarischen Ausschüsse waren auf Kopenhagen, Aarhus und Kiel verteilt. Aufgrund der Nähe zum Generalstab hatte der Verteidigungsausschuss seinen Sitz in der deutschen Landeshauptstadt. Major Alexander Almeida, Adjutant des Chefs der Abwehr, blieb gelassen: „Herr Abgeordneter, was Sie da sagen, stimmt durchaus. Wir haben seit etwa einem Jahr erste Erkenntnisse über die Pläne und die Aufrüstung der Förderation. Über eine Kandidatur von Herrn Sowinski weiß ich jedoch nichts. Ich weiß nur, dass es kein Donnerwetter im Parlament geben wird. Diese Informationen sind vertraulich und dürfen nicht außerhalb des Verteidigungsausschusses besprochen werden.“ Er fuhr mit der linken Hand durch seinen Haaransatz und streifte dabei den Platz seines fehlenden Ohres. „Herr Major.“ Es sprach der Abgeordnete Borgaard, dem es nicht ganz leicht fiel, seinen alten Freund aus der Abwehr in dieser Runde zu siezen. „Herr Major, ganz sicher wird der Generalstab Gründe für das lange Schweigen gehabt haben. Ich komme aber nicht umhin, Ihnen noch einmal zu sagen, dass es zu den verfassungsgemäßen Aufgaben des Parlaments, so wenige das auch sein mögen, zählt, die Arbeit der Regierung und im Falle der Verteidigung auch die des Generalstabes zu kontrollieren. Von solch einer Information muss der Verteidigungsausschuss umgehend Mitteilung erhalten.“ „Sicher, Herr Borgaard, nur galt es unter allen Umständen zu verhindern, dass die Awarische Föderation Kenntnis darüber erlangt, dass wir von ihren Absichten wissen.“ Die Antwort von Almeida war, wie die folgende Erwiderung von Borgaard, im Vorfeld abgesprochen worden: „Herr Major, der Verteidigungsausschuss muss nun beraten, welcher Fall schwerer wirkt, die Geheimhaltung dieser Information gegenüber der Föderation, die vermutlich längst annimmt, dass auch die Abwehr der Allianz nicht schläft, oder die Missachtung der Abgeordneten durch Ihre mangelnde Kooperation.“ „Herr Abgeordneter Borgaard, wenn das bedeuten soll, dass Sie es auch nur erwägen sollten, dieses Thema vor das Parlament zu bringen, um gegen die mangelnde Kooperation zu demonstrieren, wäre das eine Ungeheuerlichkeit! Ein Affront gegen die Armee.“ Almeida ließ die eingeplante Drohung bezüglich der weiteren Kooperation mit den Abgeordneten weg. Sein Part war erledigt. Den Rest würde Borgaard richten. Es würde keine drei Wochen dauern, bis das Parlament aufgrund von gezielt gestreuten Gerüchten eine offizielle Anhörung dazu beantragen würde.
|