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War das möglich? Hassan Rahimi schüttelte den Kopf. Wie lange war das jetzt her? Ein Jahr, zwei Jahre? Seit gut einem Jahr arbeitete er für General Govelli als wissenschaftlicher Sekretär. Trotz der guten Neuigkeit über seine zukünftige Stellung war er an jenem Tag oder vielmehr spät in der Nacht nach einer langen, erfolglosen Suche unzufrieden in ein Bordell gegangen.
Und plötzlich hatte er sie wieder gesehen - hier in Gran Sasso. Ja, es ist möglich, es besteht genau genommen kein Zweifel. Sie war es – und sie hatte nichts von ihren Reizen verloren. Und es war noch immer wahrscheinlich, dass sie eine Agentin war. Die klerikalen, zivilen, militärischen und wissenschaftlichen Mitarbeiter in Gran Sasso waren mit den Agenten der Sicherheit gespickt. Hier im zentralen Labor der wissenschaftlichen Abteilung, wo an den sensibelsten Themen gearbeitet wurde, war ein Agent oder eine Agentin nichts Besonderes. Von einigen wusste er es. Aber selbst sein Chef würde nicht alle kennen. Das war Hassan im Prinzip auch egal. Sollte sie ruhig für die Sicherheit arbeiten. Hier zumindest war klar, dass sie nicht so leicht verschwinden könnte und er seine Chance bekäme. Sie arbeitete in einem Verwaltungsgebäude in der Sperrzone, die den westlichen Ausgang des Tunnels, in dem die unterirdischen Laboratorien lagen, umgab. Er hatte einige der Kantinen auf dem Gelände nach ihr abgesucht, aber Isabelle, soviel hatte er über ihren Namen erfahren, nicht gefunden. Nun gut, er sollte den ganzen September hier bleiben, also würden sich noch Gelegenheiten finden. Er machte sich auf den Weg in seine Unterkunft.
Alessandra Butunelli wusste, wann es Zeit war zu verschwinden. Es war ihr dritter Einsatz im Mittelmeerraum und sie wollte verhindern, dass es ihr letzter sein würde. Dieser Mann hatte sie bereits einmal daran gehindert, ihren Auftrag zu vollenden, und sie gezwungen, aus Rom zu verschwinden. Kein Zweifel, er hatte sie erkannt, aber wer war er? Er hatte ihr nachspioniert, allerdings so tölpelhaft, dass Alessandra sich nicht vorstellen konnte, dass er zur Auslandsabwehr gehörte. Vielleicht ein Bulle, hatte sie gedacht. Aber jetzt taucht dieser Mensch hier in Gran Sasso auf – und das war nicht der Ort für einen Polizisten. Er schien sich hier auszukennen und kannte viele Leute. Kein Polizist und kein Agent, aber wenn er Wissenschaftler war, was wollte er von ihr? So lange er nicht Alarm schlug, sollte es ihr gleich sein. Sie würde in dieser Nacht verschwinden. Aber diesmal wollte sie ihren Job zu Ende bringen.
Hassan hatte es nicht bis zu seiner Unterkunft geschafft. Er sah sie und er folgte ihr. Sie ging in die Hauptverwaltung, flirtete kurz mit dem Pförtner und verschwand im Gebäude. Zwei Männer betraten wenig später das Gebäude. Hassan kannte sie und hätte mit dem Kopf schütteln wollen über seine Dummheit. Aber er war zu verdutzt, so dass es nur dazu reichte, den Mund zu öffnen. Er war ein Trottel. Nun schüttelte er doch den Kopf. Sie war weder Kellnerin, noch Prostituierte oder Polizistin, noch gehörte sie zum In- oder Auslandsgeheimdienst – zumindest nicht zu dem der Föderation. Hassan kombinierte schnell und folgerichtig. Sie war aus Rom verschwunden, weil er ihr nachstellte. Sie hatte ihn folglich auch an diesem Tag erkannt und würde nun wieder verschwinden müssen. Die Spitzel waren ihr aber längst auf der Spur. Sie hatte jedoch vor, ehe sie endgültig ging, noch Akten aus dem Archiv mitgehen zu lassen. Aber so wie es aussah, waren ihre Chancen gering, dieses Gebäude und dann auch das Gelände ungehindert zu verlassen. Er fragte sich nicht, ob er etwas tun wollte, er fragte sich, ob er etwas tun konnte. Und er bejahte die Frage.
Alessandra hatte den Zutritt zum Archiv von langer Hand geplant. Ihre Planung war nicht völlig abgeschlossen gewesen, aber bis hierher hatte alles geklappt. Der Pförtner war kein Problem gewesen, auch wenn sie keinerlei Berechtigung für das Hauptgebäude gehabt hatte. Bis zum Vorraum des Archivs im ersten Stock musste sie zwei Türen passieren, deren Schlösser keine Schwierigkeiten bereiteten. Um diese Zeit war der Posten vor dem Eingang zum Archiv auf seinem Rundgang durch die zwei darüber liegenden Stockwerke. Es gab keine festen Zeiten für diesen Rundgang, und die Sicherheitsleute waren angewiesen, die Zeiten zu variieren. Aber der Diensthabende Wachmann hatte aus Bequemlichkeit einen festen Ablauf, den Alessandra am stoischen Ein- und Ausschalten der Beleuchtung der oberen Büros ermittelt hatte. Der Schlüssel für das Archiv hatte Alessandra einige Mühe gekostet. Der Mitarbeiter, dem das Original gehörte, war unangenehm gewesen. Er stank und schwitzte. Zu seinen guten Eigenschaften konnte Alessandra nur zählen, dass er mit einem festen Schlaf gesegnet war. Ihr Hauptproblem würde darin bestehen, die entsprechenden Ordner zu finden, in denen die Akten zu der Neuentwicklung liegen sollten. Sie würde eine Weile brauchen. Und sie durfte kein Licht anmachen, da der Raum des Wachpostens nur durch Glasbausteine, in die die Tür eingelassen war, getrennt war.
Ihr Atem stockte nicht. Sie zog ein Messer und wandte sich an die Rückseite des Raumes. Durch das Glas hatte sie zwei Schatten gesehen. Ein Schatten wäre ungewöhnlich gewesen, da der Posten noch eine Weile brauchen sollte. Zwei Schatten bedeuteten im besten Fall nichts Gutes und im schlimmsten Falle etwas sehr Schlechtes. Keine zwei Meter von ihr entfernt öffnete sich an der Rückwand eine Tür. Noch immer ging ihr Atem ruhig. Sie war an der Tür angelangt und hatte zum Stich angesetzt. Der Mann war allein. Und sie erkannte ihn in der schwachen Beleuchtung durch die gegenüberliegende Glaswand. Wer immer dieser Mensch war, ihr Gefühl sagte ihr, dass er nicht zu den Zweien gehörte, die gerade dabei waren, den Haupteingang zu öffnen. Der Stahl an seiner Kehle hinderte Hassan nicht daran zu reagieren. Er vertraute darauf, dass sie nicht zustieß und drückte die Frau, die wohl nicht Isabelle hieß, in den Raum hinter dem Archiv. „Schöne Frauen sollten Messer zum Zwiebelschneiden benutzen“, sagte er. Alessandra hatte für Diskussionen dieser Art gerade wenig Sinn. „Wie lange brauchen die Männer, um hier herein zu kommen?“ „Die werden hier nicht reinkommen, nur der General und einige Mitarbeiter haben Zugang. Die Hauptgefahr ist, dass die beiden Alarm schlagen und Sie nicht mehr von Gelände kommen. Auch außerhalb, in den Bergen, wird es nicht einfach sein.“ „Wie komme ich aus dem Gebäude?“ Hassan nickte, das Messer noch immer an seinem Hals, in Richtung einer Tür. „Da entlang. Sie kommen zu einem Treppenhaus, im Erdgeschoss ist eine Tür, die zur Grünfläche auf der Rückseite des Gebäudes führt. Nach außen gehen die Türen auf.“ Alessandra ließ den Mann los und ging zur hinteren Tür. Sie ließ sich öffnen. „Hassan Rahimi“, sagte der Mann. Alessandra drehte sich für einen Augenblick zu ihm um. Zu ihrer Überraschung sagte sie: „Alessandra Butunelli – Nordische Allianz.“
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