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Der Tag war soweit in Ordnung gewesen. Im Rahmen des Offizierslehrgangs an der Kampftruppenschule hatten sie in den vergangenen zwei Wochen eine Einweisung durch die Marine erhalten. Die Marine gab sich in Sachen Seekriegsausbildung der Offiziersanwärter des Territorialheeres keine sehr große Mühe. Es fanden einige halbherzige Lehrstunden in Taktik statt und der Rest der Ausbildung bestand darin, den Führerschein zur See 2. Klasse zu machen.
Wie jeder Junge war Markus während der Schulferien in Freizeitlagern der Jugendausbildungsorganisation gewesen. Neben einer ersten Einweisung in den Waffengebrauch standen je nach Alter und Qualifikation Kraftradfahren, Motorboottraining und, für einen ausgewählten Kreis, Segelfliegen an. Markus hatte alle drei Ausbildungen absolviert, auch den ersten Kurs im Segelfliegen. Er gehörte dabei aber nicht zu den Besten, die dann noch weitere Kurse belegen konnten und mehr oder minder automatisch für die Pilotenkarriere in der Luftwaffe vorbestimmt waren. Für schwimmende Gefährte hatte Markus allerdings ein Händchen, er wusste sehr bald, wie ein Boot läuft und wie es reagiert. Im Gegensatz zu den Piloten, die wirklich gut fliegen können mussten, qualifizierte einen das sichere Steuern eines Sportbootes noch nicht für eine blendende Karriere in der Marine. Das war für Markus auch nie wirklich eine Option gewesen. Marine hieß mit wenigen Ausnahmen: Berufssoldat. Und das hatte nicht seiner groben, in der Jugend erdachten Lebensplanung entsprochen. Den Seeleuten – die kaum höflichere Ausdrücke als Landratten und Süßwasserpiraten für die Auszubildenden des Heeres übrig hatten, aber eine ganze Menge weniger freundliche – zu zeigen, dass auch ein Schlammkriecher ihre Kutter sauber einparken konnte, war befriedigend gewesen. Am heutigen Tag der praktischen Prüfung hatte der Ausbilder, ein Oberbootsmann, kurz beifällig genickt und sich zu einem „Ganz ordentlich“ herabgelassen. „Ja, Markus, ich denke, man kann das ungefähr so einordnen: Das „Ganz ordentlich“ des alten Brummbärs entspräche im Heer einer förmlichen Auszeichnung.“ Der Fähnrich Axel Knoop kniff das linke Auge zu und nickte dazu schwerfällig, wie es der Oberbootsmann getan hatte. Die beiden gingen trotz des am Abend noch einberaumten Unterrichts durch ihren Lehrgruppenkommandeur gut gelaunt zu ihren Plätzen, wobei Markus Axel andeutungsweise in den Bauch boxte. Das sollte in etwa bedeuten: Nun ist aber gut –zu viel des Guten war es nun wieder auch nicht. Der Oberfähnrich Streibel meldete dem eintretenden Kommandeur. Streibel war ein Streber und nicht sonderlich beliebt. Seinen höheren Rang hatte er allerdings nicht seinem Strebertum zu verdanken, sondern seinem späten Wechsel in die Reserveoffizierslaufbahn. Er war ein Jahr älter, stand somit zwischen den Offiziersjahrgängen und wurde von beiden nicht übermäßig warmherzig aufgenommen. Die jungen Männer ließen den Unterricht über das angemessene Verhalten von Offizieren in der Öffentlichkeit ohne Murren über sich ergehen. Der Oberstleutnant Pitney war ein ehemaliger Bataillonskommandeur, hatte den Zenit seiner Laufbahn mittlerweile überschritten und dies auch akzeptiert. Da er nicht dem Generalstab angehörte, hätte er nur im Falle eines Krieges auf ein neues Kommando hoffen können. Und unter dieser Voraussetzung war es ihm lieber, nicht erneut mit der Führung eines Verbandes betraut zu werden. Vielmehr hatte er sich mit einem ruhigen und würdigen Lebensabend abgefunden. Der Stil und die Verhaltensformen der Offiziere lagen ihm dabei besonders am Herzen, so dass er sich auch entsprechend bemühte, den jungen Leuten im Lehrsaal einen ehrbaren und höflichen Umgang mit den Langhaarigen, wie er das schwache Geschlecht zu betiteln beliebte, nahe zu legen. Pitney genoss einiges Ansehen bei der Klasse. Die Fähnriche hatten aber mit dem Chef der Lehrgruppe nicht oft zu tun. Er war ihnen aber, und besonders Markus und Axel, um einiges lieber als ihr Ausbildungsleiter, ein Hauptmann, den Axel gerne zum Ausmisten der Schweinekoben im heimatlichen Betrieb bestellt hätte. Mit dem Hauptmann lagen sie in einer kleinen Fehde. Gegenüber dem Lehrgruppenkommandeur erlaubten sie sich aber keine Mätzchen. Sie lauschten konzentriert und fingen mit einem gelegentlichen Schmunzeln die auf das Publikum wohl abgestimmten Worte des Oberstleutnants auf. Zum Schluss kam Pitney auf den eigentlichen Anlass dieses zusätzlich einberufenen Unterrichts. „Wenn Sie es also, meine Herren, ohne die Gegenseite tödlich beleidigt zu haben, geschafft haben sollten, den Tisch zu erreichen, so sollten Sie auch dort, abgesehen von der Führung eines unterhaltsamen aber nicht aufdringlichen Gespräches, darauf achten, nicht wie ein Barbar die Speisen in sich aufzunehmen. Ich kann Ihnen in einer Stunde nicht alles über den Umgang mit solchen Geräten wie Messer, Gabel und Löffel beibringen. Ich ermahne Sie aber, sich speziell über die Art des Besteckes zu informieren, mit dem die jeweiligen Arten der Nahrung zu sich genommen werden. Aus aktuellem Anlass will ich auf ein Beispiel zu sprechen kommen, das Ihnen eventuell profan vorkommen mag. Das aber deutlich macht, mit welcher Kunst wir es hier zu tun haben: Rührei mit Kartoffelpüree. Und die Regel ist einfach: benutzen Sie eine Gabel und nur diese. Benutzen Sie weder Löffel noch Messer.“ Markus und Axel hatten den Vortrag mit einiger Heiterkeit und Gelassenheit verfolgt. Nun erstarrten sie kurzfristig, obgleich der Blick des Kommandeurs nicht auf ihnen geruht hatte. Dieser fuhr nach einer kurzen Pause fort. „Meine Herren, ich kann mich wohl kaum rühmen, aus einer Bande von Bauernburschen und Panzerlümmeln heute Abend vollendete Gentlemen gemacht zu haben. In Anbetracht der fortgeschrittenen Uhrzeit sehe ich mich aber gezwungen, Sie nun zu entlassen und hoffe, dass Sie das ein oder andere Gesagte in Ihren Herzen bewegen möchten. Ich wünsche Ihnen eine gute Nacht.“ Darauf verließ Pitney den Raum, wobei es Streibel, schnell wie er war, noch schaffte die Anwesenden vorher zur Verabschiedung in die Grundstellung zu befehligen. „Ach, du Scheiße“, lachte Markus Axel an, der beifällig nickte. Erik Phillippkowski hatte Markus‘ Fluch gehört und gesellte sich dazu. „Wart Ihr das?“ „Na ja, wie hast du denn diesen Fraß gestern in dich hineinbekommen?“, stellte ihm Axel die Gegenfrage. „Ist doch egal“, gab Phillippkowski zurück. „Aber wir saßen gestern alle beisammen. Da kann ich mir nur schwerlich vorstellen, dass uns jemand beobachtet hat. Ihr scheint da, irgendwie nicht ganz so sicher zu sein.“ Markus nickte. „Ja, die Wahrheit ist, dass wir gestern spät dran waren. Wir saßen dann etwas abseits. Und um es vorwegzunehmen, ich hab keine Ahnung, wie ich das alte Püree gegessen habe. Bestimmt hatte ich mir ein Messer mit aufs Tablett gelegt. Ich meine, das tue ich immer. Auf jeden Fall kam gestern dieser Admiral ins Kasino und setzte sich mit seinem Adjutanten und seiner Eierspeise im Gefolge zu uns, wohl um zu plaudern oder wie es so schön heißt: Ohr an Masse zu halten.“ „Und hat er was gesagt?“, fragte Phillippkowski. „Natürlich hat er was gesagt, aber nichts über Essmanieren. Wir haben uns über dies und das unterhalten. So ein Admiral würde ja auch keinem kleinen Fähnrich aus dem Heer Belehrungen über Benimmregeln geben. Aber ich fürchte, er hat sich dann wohl im Nachgang bei unserem guten Kommandeur über die Sitten der Erdschweinchen beklagt.“ „Meinst du, er hat sich unsere Namen gemerkt?“, fragte Axel. „Ach, glaub ich nicht“, gab Phillippkowski zum Besten. „Vielleicht hat er sich die gemerkt, aber das würde so einer wie der niemals weitergeben. Das wäre doch weit unter seiner Würde.“ „Okay.“ Axel hatte wieder Mut gefasst. „Dann müssen wir jetzt nur noch versuchen, Streibel die Sache in die Schuhe zu schieben.“ Der Plan wurde dann jedoch zu Gunsten einer gepflegten Skat-Runde verschoben und schließlich vergessen.
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