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Madam brauchte sich keine Sorgen zu machen, dass ihr die Freude von Markus‘ Gesellschaft verwehrt bleiben würde, da der Herr Oberst sogleich auf die Frage der eitlen Person mit dem charmantesten Lächeln und ohne Rücksprache mit Markus zugesagt hatte. So fand sich Markus also am frühen Vormittag am Bootssteg ein.
Der Obermatrose Kristian Graveson war bereits dort und befestigte Stühle an Deck, damit sie im Seegang nicht hin und her rutschten. Der Mann war für Markus‘ Geschmack ein bisschen muffig in den Umgangsformen, aber er zeigte ihm halbwegs bereitwillig und nicht ganz ohne Stolz die Yacht. Sie war gut zwölf Meter lang und elegant geschnitten. Die breite Plicht war bis zur Reeling eben und mit zwei Liegesesseln am Heck und einem ausklappbaren Esstisch mit vier Stühlen in Richtung Niedergang ausgestattet. Der Führerstand befand sich etwas erhöht am Eingang zur Kajüte und war mit vielen Anzeigen und Schaltern versehen. Unterhalb des Cockpits, über den Niedergang zur Kajüte zu erreichen, befand sich eine, wie Graveson sich ausdrückte, Mannschaftstoilette. Markus fühlte sich nicht unbedingt als Teil der Mannschaft und hatte auch keinen Mannschaftsdienstgrad inne, so dass er dem Raum weniger Aufmerksamkeit schenkte. Die lange Kajüte fand hingegen sein Interesse. Sie unterteilte sich in drei Bereiche. Zunächst kam ein ansehnlicher Aufenthaltsraum. Gegenüber der Bar war ein geräumiger Tisch, um den an zwei Seiten bepolsterte Bänke angebracht waren. Ein Sessel stand zwischen Bar und Tisch etwas fehl am Platz. Zudem war in dem Raum eine kleine Navigationsecke integriert. Als Nächstes kamen nach einer Trennwand zur linken eine Toilette mit Dusche und zur rechten die Küche. Am Ende oder vielmehr im Bug schloss sich ein üppiger Schlafraum mit vollem Bett, Sitzgelegenheit und Tischchen samt Spiegel an. Markus hatte viel Zeit, sich das Schiff anzusehen. Die Dame ließ sich Zeit. Das störte ihn nicht im Geringsten. Er mochte das leichte Schwanken unter seinen Füßen, und es war ein schöner Tag, wenngleich an der See die Temperaturen an einem Vormittag im frühen Sommer noch Wünsche offen ließen. Da Markus aber Dienstanzug trug, war ihm auch das recht. Seine Anzugjacke würde er wohl erst später ausziehen können. Madame erschien in Begleitung ihrer Kammerjungfer, wie Markus sie taufte. Genannt wurde sie von Frau von Rechtensberger „Marie“. Und wenn die Marschallin ärgerlich war, rief sie das stolze Wesen „Marie Lena“. Graveson half den Damen an Bord, die mit ihren hohen Absätzen auf der Gangway seine Hand zur Hilfe nahmen. Markus begrüßte sie förmlich mit einem Kopfnicken. Das wurde allerdings ignoriert, wie sich die Frauen wohl ohnehin entschlossen hatten, die Freude an Markus‘ Gesellschaft nicht offen zur Schau zu stellen. Er wurde stehen gelassen und die beiden setzten sich an den Tisch auf dem Deck. Markus stand unsicher herum, während der Obermatrose den Motor startete, die Festmacher löste und ans Steuerrad trat. Die Damen unterhielten sich wortkarg und genossen ansonsten die frische Luft. Markus hatte es vertan, einen guten Start zu finden. Er stellte sich also an die Reeling und sah auf das Meer und zur Insel. Er wäre gern in die Kajüte gegangen, aber das schien ihm in dieser Situation unangebracht. Zu seiner Erleichterung hielten sie nach einer vielleicht zwanzigminütigen Fahrt an. Graveson warf einen Anker aus. Madame und Marie betraten die Kajüte. Nun konnte sich Markus zumindest hinsetzen und stand nicht länger überflüssig in der Gegend herum. Der Matrose kam vom Bug, von wo aus er den Anker ausgebracht hatte, nicht wieder, sondern hatte es sich dort mit dem Rücken an die Kajüte gelehnt gemütlich gemacht. Er spleißte Tampen, sicher nicht, weil es unbedingt notwendig war, sondern viel mehr hatte er sich diese Arbeit mitgenommen, da er wusste, dass er nun für einige Zeit nicht gebraucht wurde. Die Damen kamen zurück und trugen Bademäntel. Der von Madame war orange und geschmackvoll mit weißen Ornamenten verziert. Maries wirkte bescheidener: weiß mit einer roten Borte. Sie stellten ihre Schuhe ab und machten es sich auf den Liegen in die Sonne bequem. Frau von Rechtensberger hatte ein Buch dabei, das sie auf ein kleines Beistelltischchen legte. Markus kam sich nun – am Tisch sitzend – nicht mehr ganz so fehl am Platz vor wie während der Fahrt. Er hätte auch gern ein Buch dabei gehabt, aber Lesen wäre wohl in der Gegenwart der Frauen nicht angebracht gewesen. Das wäre auch seiner Rolle als Stabsoffizier nicht gerecht geworden. Also langweilte er sich und sah den beiden zu, wie sie mit der stärker werdenden Sonne nach und nach ihr Dekollete vom Bademantel befreiten. Darunter trugen sie Bikinis, und Markus musste zugeben, dass Marie einige gute Gründe hatte, gelegentlich eingebildet zu wirken. Freilich betrachtete er die Szene nur selten und dann auch bloß aus den Augenwinkeln. Nach einer ganzen Weile meldete sich Marie: „Herr Leutnant! Wollen Sie Madame vielleicht die Freude machen, ihr etwas vorzulesen? Die Sonne ist so hell.“ Markus blickte sich um. Frau von Rechtensberger lag noch dort wie vorher und hatte sich seit seinem letzten Blick nicht bewegt. Und sicher hatte sie nicht versucht, ihre zarten Augen der garstig hellen Sonne auszusetzen, denn die Augen waren geschlossen wie zuvor. Auf der anderen Seite, sagte sich Markus, ergab das Sinn. Seine Gegenwart war bislang völlig nutzlos gewesen. Madame beschäftigte sich gerne mit Büchern, las aber nicht gerne – zumindest nicht in der Sonne. Also fragte sie einen der jungen Offiziere, mit ihr am Ausflug teilzunehmen und ihr vorzulesen. Der gute Graveson mochte ein Schiff gut führen können, hatte aber vielleicht nicht die passende Stimme. Marie Lena mochte gut in einen Bikini passen, nur war es vielleicht mit ihrer Geduld beim Lesen nicht so weit her. Gut, sagte sich Markus, wenn das dein Job ist, soll es so sein. Er ging zum Beistelltisch und nahm das Buch auf. Er kannte und mochte es. Es war eine Geschichte aus dem Frankreich zur Zeit der Hugenottenkriege, von Robert Merle. Markus versuchte einen Stuhl näher heran zu rücken, scheiterte zunächst und löste dann die Befestigung am Boden. Schließlich begann er an der Stelle, in dem ein Lesezeichen steckte. Es war der zweite Band der Reihe. Wenn er sich richtig erinnerte gab es elf, aber immerhin: ob mit oder ohne Hilfe hatte die Dame wohl schon eineinhalb Bände bewältigt. Es war angenehm zu lesen, auch wenn Marie wenig Liebe für das Buch zu hegen schien, und Elisabeth von Rechtensberger mit keiner Miene zu erkennen gab, ob sie ihm zuhörte. Die Sonne brannte auf seinen Rücken, und er hoffte, dass er am Nacken keinen Sonnenbrand bekam. Als sein Mund trocken wurde, holte er sich aus einem Eisfach an Deck eine kühle Flasche Wasser. Er bot auch den Damen an, ihnen etwas zu bringen. Marie stimmte gnädig zu, so dass er beiden ein Glas brachte. Er hatte noch immer nicht seine Jacke ausgezogen. Nun scheute er sich etwas, da er fürchtete, sein Hemd würde wenig ehrenvoll an der Haut kleben. Also blieb ihm vorerst nur, den Stuhl wieder in den Schatten zu stellen und von dort aus weiter vorzulesen. Als er sich das Glas nachschenkte, stand Marie auf. Sie sagte zu Madame, sie wollte etwas zu essen vorbereiten. Frau von Rechtensberger öffnete die Augen: „Ja, mein Liebes, tu das.“ Dann richtete sie den Blick auf Markus. „Herr Leutnant, kommen Sie doch etwas dichter heran, hier ans Kopfende, damit ich Sie besser verstehe.“ „Gern“, antwortete Markus ungern. Er war im Begriff seine Jacke auszuziehen, als die Marschallin sagte: „Es ist schön, dass Sie nicht, wie einige dieser ungehobelten Kerle, gleich Ihre Jacke ausziehen. Offenbar hat die Personalabteilung diesmal mit etwas mehr Sorgfalt ausgewählt.“ Sie hatte die Augen schon wieder geschlossen, und Markus‘ Nicken ging ins Leere. Allerdings konnte sie so auch nicht sehen, dass er den Mund unwillig verzog. Nun saß er in der prallen Sonne und las die Geschichte von Pierre de Siorac weiter. Die neue Sitzposition hatte den Vorteil, dass er nun einen freieren Blick auf seine Zuhörerin hatte. Sowie er über den Bücherrand sah, wurde er ihres schlanken Körpers gewahr. Er räusperte sich im Lesen, als Elisabeth von Rechtensberger den Gürtel ihres Mantels löste und Bauch und Beine der Sonne preisgab. Schließlich streifte sie auch die Ärmel ab und gab die zarten Arme frei. Wie schön wäre diese Situation, könnte er im Schatten sitzen, dachte er bei sich. Markus war sich wieder nicht sicher, ob die Frau, die an seiner Seite lag, schlief oder wirklich zuhörte. Er bemühte sich, so ruhig und artikuliert zu lesen, dass eine Schlafende nicht aufwachte und eine Zuhörerin sich nicht langweilte. Er fragte sich, was Marie wohl so lange vorbereitete, und gelegentlich staunte er über die Ausdauer des Matrosen auf dem Vordeck, von dem er seit Stunden keinen Laut gehört hatte. Schließlich kam die Jungfer, die nie und nimmer eine Jungfer war, und brachte einige Häppchen und eine Karaffe Saft mit Eiswürfeln. Die Marschallin hörte sie und legte sich den Bademantel wieder über. Sie stand auf und fragte Markus: „Wollen Sie uns vielleicht Gesellschaft leisten, Herr Leutnant?“ „Gern“, gab Markus erneut zurück. „Wenn Sie mich vielleicht kurz vorher entschuldigen möchten?“ Es wurde ihm aus der Reaktion der Dame nicht ganz deutlich, ob sie das mochte. Aber Markus nahm es als Zusage und ging zügig in die Kajüte und in Richtung Badezimmer. Er zog sich Jacke, Hemd und Unterhemd aus und besprengte seinen Oberkörper mit so viel kühlem Wasser, wie es das Waschbecken zuließ. Das war in Anbetracht der Tatsachen, dass er sich für das Bad der Herrschaften entschieden hatte, eine ganze Menge. Er scheute sich eine Weile, die feuchten Sachen wieder anzuziehen. Aber es gab keine Alternative. Als er das Deck erneut betrat, waren die wenigen Häppchen schon verzehrt. Er grämte sich, ob seines Hungers, ließ sich aber nichts anmerken und setzte sich, nachdem er das Einvernehmen von Frau von Rechtensberger erhalten hatte. Die beiden unterhielten sich wieder in der bekannten Zurückhaltung und vermieden es auch diesmal, Markus in das Gespräch einzubinden. Marie gab schließlich dem Obermatrosen Graveson kund, dass sie nun genug von der See hatten. „Kristian, wir wollen los.“ Der Angesprochene machte sich daran, den Anker einzuholen, und Marie wandte sich an Markus: „Können Sie so ein Boot fahren?“ „Sicher.“ gab Markus zurück. Marie schenkte ihm ein Lächeln. „Dann zeigen Sie uns das doch bitte.“ Die Rückfahrt war somit deutlich angenehmer als die Hinfahrt. Er musste sich zwar einige Male umsehen, damit er nicht die falsche Richtung einschlug, aber dieses Boot zu steuern, war eine Freude. Die Lenkung reagierte prompt und der Motor schien sich bei jeder Drehzahl wohl zu fühlen. Als er am Steg anlegte, ohne dagegen zu stoßen – aber mit nur wenigen Zentimetern Abstand, war er mit sich und der Welt zufrieden. Graveson schenkte ihm einen anerkennenden Blick und legte die Festmacher um die Poller. Madame und Marie verteilten ihre Anerkennung nicht mit der Schöpfkelle. Sie schienen nicht weniger erwartet zu haben. Marie wandte sich, als Frau von Rechtensberger schon auf der Gangway war, Markus zu. „Herr Leutnant, ich hoffe, es passt Ihnen morgen um die gleiche Zeit.“ Ohne eine Antwort abzuwarten folgte sie ihrer Herrin.
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