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Kap1.02 Behandlungszimmer Drucken

 

Sabine betrat das Behandlungszimmer. Der Patient, der zur Eingangsuntersuchung gekommen war, stand mit dem Rücken zur Tür und blickte aus dem Fenster in den schneebedeckten Hof. Als er sich umdrehte und die schlanke Person mit den braunen Augen und dem mittelblonden Haar sah, zeigte er nicht unbedingt die gleiche Reaktion wie andere vor ihm, wenn sie Sabine das erste Mal sahen. Er nickte ihr zu und sagte: „Guten Tag, Schwester.“


„Guten Tag, Herr Oberstleutnant.“ Sie probierte es mit einem Lächeln. „Ich bin Schwester Sabine und werde mit Ihnen erst einmal einige Voruntersuchungen machen, bevor der Doktor dann selbst kommt.“
Der Mann trat auf sie zu und reichte ihr die Hand. „Reser-Weiden.“
Sabine legte die Mappe, die sie trug, auf einem rollbaren, weißen Tischchen ab und blickte dem Offizier in die Augen. „Würden Sie bitte Ihren Oberkörper frei machen?“
Reser-Weiden deutete ein Nicken an, wobei er den rechten Mundwinkel zu einen halben Lächeln verzog, bevor er ihrer Aufforderung nachkam.
Sabine legte eine Manschette um seinen Arm und begann, diese mit einem kleinen Handblasebalg mit Luft zu füllen. „Ich nehme an, Ihr Blutdruck verändert sich nie?“
Bevor der Angesprochene antworten konnte, klopfte es an der Tür und eine zweite Schwester trat ein. Sie sagte nichts, sondern wies an Sabine gewandt beiläufig auf die Akte in ihrer Hand. Sie ging zum Tischchen und tauschte die Krankenmappen. Dann blickte sie auf. Sie schloss die Lider ein wenig, die grünen Augen schienen im Gegenlicht der Fenster dadurch erst aufzuwachen. Ihr Mund war sehr schmal und sehr voll. Die Oberlippe löste sich von der Unterlippe. Ihr Kinn, das spitz zulief und dem Gesicht trotz der breiteren Backenpartie ein schlankes Aussehen gab, erschien unwirklich wie das zart koloriertes Detail einer Schwarzweißaufnahme.
Eine halbwegs natürliche Reaktion auf diese Geste war das Herunterfallen des Unterkiefers. Manche Männer erstarrten nur einfach, ehe sie tief Luft holten.
Reser-Weiden tat nichts dergleichen. Er sagte ruhig: „Sie müssen Martina sein.“
Sabine sah Martina an, die keine Verwunderung darüber zum Ausdruck brachte.
„Ich will ehrlich zu Ihnen sein, meine Damen. Bevor ich herkam, habe ich mich über den Stab und das Umfeld etwas erkundigt und von Ihnen beiden gehört. Nicht wenige meiner Kollegen sprechen gerne und ausgiebig über sie beide.“
„Man hat aber nicht den Eindruck, als würden Sie sich gewöhnlich mit großer Inbrunst an solchen Gesprächen beteiligen.“ Sabine hatte Reser-Weidens Krankenakte aufgenommen. Nun hielt sie die Mappe unter ihrem Arm und betrachtete den Patienten.
„Nein. Das gehört nicht unbedingt zu meinen Leidenschaften.“
„Und ich nehme an, solche Gespräche werden auch nicht nur über Martina und mich geführt.“
„Sicher. Einer spricht über diese, ein anderer über jene. Nur hatte ich den Eindruck, dass Sie beide von niemanden übersehen worden sind, der hier nach Kiel an den Stab gekommen ist.“
„Und was haben Sie daraus geschlossen?“
„Nicht viel. Nur scheint mir irgendwie“, Reser-Weiden sah auf die Krankenakte,  „dass das nicht unbedingt ein Zufall war.“
Martina sah zu Sabine und tippte mit dem Zeigefinger in ihre Richtung. „Ich denke, das nächste Mal gehen wir wieder dazu über, dass ich ohne erkennbaren Grund reinkomme. Da hat noch niemand was gesagt.“ Sie lachte.
„Und darf ich hoffen, dass Sie mir die Situation erklären werden?“
Martina zog ihre Brauen zusammen. Dann deutete sie ein Lächeln an. „Sabine und ich hegen ein gewisses Interesse für Menschen, die reich und einflussreich sind.“
„Wie verführerisch. Und Sie zählen mich zu dieser Gruppe?“
Martina verzog kurz den Mund, der auch ohne diese Geste kaum weniger breit als hoch war, setzte dann aber zu einem offenen Lächeln an. „Nicht ganz. Als neuer Leiter der Militärgeschichte bekleiden Sie doch eher den unwichtigsten aller Posten im Stab. Auf der anderen Seite pflegen wir noch, nebenbei sozusagen, ein kleines Hobby.“
„Menschen, die arm und ohne Einfluss sind?“ Reser-Weiden hob interessiert die Brauen.
Martina spitzte erneut den Mund. „Das ist nicht so sehr die Zielgruppe. Es handelt sich mehr um Leute mit Potenzial und einer gewissen geistigen Kapazität.“
„Die Sie bei mir vermuten.“
Sabines Augen verengten sich leicht. „Sie wurden mit ausgezeichneten Zeugnissen früh Mitglied im Generalstab. Der Präsident scheint einiges von Ihnen zu halten. Vielleicht können Sie hier bestehen. Allerdings gibt es auch eine Reihe von Leuten, die Ihnen nicht sehr gewogen sind. Die Falken am Hof, halten Sie wohl für eine Taube mit utopischen Gedanken im Gepäck.“
„Ich bin Soldat und kein Pazifist“, stellte Reser-Weiden fest, dann lächelte er. „Im Übrigen soll es, so wird gesagt, Wesen geben, die wie Täubchen aussehen, in Wahrheit aber Falken sind.“
Die Mädchen sahen einander an. Martina grinste. „Er meint uns.“
„Vielleicht hat er doch eine kleine Chance, hier zu überleben.“ stimmte Sabine ihrer Freundin zu. Sie wandte sich an Reser-Weiden. „Sie werden es trotzdem nicht leicht haben und Hilfe brauchen, um sich durchzusetzen.“
„Europa und mit ihm dieses Land werden sich verändern. Beide Seiten erholen sich vom letzten, großen Schlagabtausch. Ich habe ein Bild davon, wie es sein könnte, wenn wir Glück und Geduld haben. Und ich habe eine Vorstellung davon, wie es nicht sein sollte. Aber ich bin Soldat. Ich werde meine Einstellungen vertreten. Die Entscheidungen aber müssen andere fällen.“
Sabine stellte sich neben Martina ihm gegenüber auf. „Mit dieser Einstellung werden Sie scheitern, Herr Reser-Weiden.“