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Kap1.28 Ball Drucken

„Und du bist sicher, dass auch ein objektiver Betrachter sie als gefällig bezeichnen würde?“ Der Oberleutnant Ernbarger schwitzte. Sie waren mit dem Geländewagen nach Tondern gefahren, um die Damen abzuholen.
„Objektiv? Keine Ahnung.“ Markus war mit seinen Gedanken bei den Mädchen. Als er zu Ernbarger hinübersah, erbarmte er sich, ihn aufzumuntern: „Joachim, vielleicht noch eine kleine Verhaltensregel.“ Er zauberte mit einer geschickten Handbewegung zwei Zeigefinger aus den geschlossenen Händen.  „Wenn du Martina und Sabine siehst, fang bitte nicht an zu sabbern, und wenn du den ersten Schock überwunden hast, achte doch bitte drauf, Deine Kinnlade wieder unter Kontrolle zu bringen.“
Ernbarger machte ein Leck-mich-am-Arsch-Gesicht und Markus lachte, denn dieser Ausdruck gehörte sicherlich zu den Stärken des Oberleutnants.


Der Zug war weniger voll gewesen und offensichtlich hatten die Mädchen angenehme Begleiter gefunden. Zumindest halfen einige Stabsoffiziere den beiden sehr beflissen auf den Bahnsteig. Sabine und Martina bedankten sich artig, aber –  Markus glättete ein-zwei seiner Stirnfalten – nicht übermäßig intim. Ganz im Gegensatz zu der Begrüßung, die ihm zuteil wurde. Martina gab ihm einen stürmischen Kuss und kümmerte sich dann nach kurzer Vorstellung weniger stürmisch (aber artig) um ihren Oberleutnant. Der wiederum schloss seinen Mund erst, nachdem Markus ihm unsanft in die Rippen gestoßen hatte.
Sabine sah ihn skeptisch an. Die Skepsis war sicherlich durch Martinas Kuss nicht nachhaltig abgeschwächt worden, aber seit dieser Nacht nach der Party am Hafen hatte ihm Sabine wenig offene Zuneigung zukommen lassen. Markus beobachtete zunächst ihre Zurückhaltung, konnte – und wollte – sich dann aber nicht bremsen. Er packte sie bei den Hüften und sagte: „Hallo Liebes, du bist ja über den Sommer noch schöner geworden!“
Sabine missgönnte Markus noch weitere drei Sekunden ein Lächeln, bevor sie ihn umarmte und ihm ein „Hallo, mein Schatz“ ins Ohr sprach.

Markus war froh, dass er sich keine Gedanken um seine Kleidung machen musste. Er hatte sich allerdings einige Gedanken um den Zustand seiner Fingernägel gemacht und diesen Überlegungen auch Taten folgen lassen, so dass er sich am Abend zwingen konnte, nicht an ihnen herumzuknabbern. Schließlich hatten sie es aber zum Ball geschafft, und zu seiner Verwunderung und Beruhigung hatten auch andere Damen länger gebraucht, so dass der Zeitplan von Oberst Rubenau obsolet geworden war, und sie weder etwas verpasst noch sich blamiert hatten.
Er hatte sich im Vorfeld gefragt, ob er Elisabeth zu einem Tanz auffordern sollte, die Frage dann aber auf einen besseren Zeitpunkt verschoben, der sich nicht ergeben hatte. Die Verpflichtungen seiner Begleitung und den Damen am Tisch gegenüber hatte er soweit erfüllt. Was nicht hieß, dass er nicht plante, noch weitere Tänze mit Sabine zu machen. Die Antwort: ja, ich kann sie auffordern, ich bin schließlich ihre Ordonanz, kam wenige Femtosekunden vor Sabines Auffrischung ihrer Unterhaltung: „Sie ist sehr schön. Hast du was mit ihr?“
Sie standen an einem der Tischchen um den Sektausschank, und zum Glück rauchte er gerade und konnte ein Husten unterdrücken, so dass er eine Sekunde bis zur Antwort gewann: „Nicht so schön wie meine Tanzpartnerin und ja, hab ich.“
Sabine veränderte ihren Gesichtsausdruck nicht: „Sie ist deine Geliebte?“
„Nun ja, so würde ich es nicht unbedingt bezeichnen. Sagen wir, ich bin ihr Geliebter – oder war es.“ Und er setzte hinzu: „Für diesen Sommer.“
„Das heißt, sie wechselt ihre Liebhaber mit den Jahreszeiten?“
„Das weiß ich nicht, Teuerste, das hat sie mir nicht verraten.“
Sabine blickte zu Elisabeth: „Nein“, sagte sie, „Ich glaube nicht.“
Markus war es egal.
Sabine umarmte Markus bei den Hüften und flüsterte mit einem Lächeln: „Erzähl mir alles!“
Markus umfasste ihre Schultern, küsste Sabine auf die Nase und sagte: „Nen Teufel werd ich tun.“
Sabine lachte. „Na gut, ich frage und du sagst ja oder nein, okay?“
Hätte er mit ihr telefoniert oder auch nur am Tisch gegenüber von ihr gesessen, hätte er zweifellos ‚Mädchen, vergiss es!’ gesagt. So sagte er: „Okay.“
„Sie hat dafür gesorgt, dass du in ihrer Nähe bist?“
„Ja.“
„Ihr wart abgeschieden von den anderen?“
„Ja, sicher, er war nicht hier auf dem Parkett während eines Balles.“
„Sie hat dir keine große Beachtung geschenkt?“
„Kein große.“
„Sie hat dich wie einen Lakaien behandelt?“
Markus hatte derweil einige Falten mehr auf seine Stirn gezaubert als bei der Ankunft der beiden am Bahnsteig, als die Gentlemen den Damen aus dem Zug geholfen hatten: „Wenn man so will.“
„Sie hat etwas fallen lassen?“
„Bitte?“
„Sie hat wie zufällig etwas fallen lassen und du hast es dienstbeflissen aufheben wollen?“
„Wollen wir vielleicht kurz nach draußen gehen, und eine rauchen? Und außerdem würde ich es nicht dienstbeflissen nennen.“
Sabine umarmte Markus, damit er ihr nicht in die Augen sehen musste. Sie küsste ihm aufs Ohr: „Hast du ihren Fuß geküsst?“
Sabine war seine Freundin, es hatte keinen Sinn. Er schob sie an den Oberarmen auf kurzen Abstand, sah ihr in die Augen und nickte zustimmend.
„Hast du an dem Tag mit ihr geschlafen?“
„Nicht direkt.“ Leugnen war zwecklos, Sabine wusste offensichtlich schon alles.
„Als Ihr euch das nächste Mal gesehen habt?“
„Nein, Liebes. Ist das sehr wichtig?“
„Nein.“ Sie schüttelte den Kopf. „Wann?“
„Reicht das jetzt vielleicht?“ Markus war nicht wirklich böse. Und wenn er es war, dann auf sich. „Vielleicht kann mir Fräulein Allesklug jetzt eine kleine Analyse zukommen lassen. Bin ich noch zu retten?“
„Mach dir keine Sorgen, mein Liebling. dich wird niemand jemals retten müssen.“ Sie küsste ihm auf den Mund, und Markus war der Meinung, und er hatte bei diesen Dingen ein Elefantengedächtnis, dass es das erste Mal gewesen war.
„Willst du mich Deiner Freundin nicht vorstellen?“
Elisabeth sprach mit einem alten Generalleutnant, offensichtlich a.D. Markus blieb mit Sabine einige Schritte davon entfernt stehen, aber weder der alte Mann noch Elisabeth hatten sie übersehen, und dieser verabschiedete sich höflich mit einer Bemerkung über die Jugend, und dass man sie unter sich lassen sollte.
„Herr Leutnant, wie entzückend, dass Sie mich trotz Ihrer vielen Verpflichtungen mit einem Besuch beehren.“
Markus nickte knapp: „Erst die Pflicht und dann das Vergnügen.“
„Sie müssen Sabine sein!“ Elisabeth schenkte ihr ein Lächeln.
Sabine nickte und lächelte dazu: „Hat Markus etwa von mir erzählt, Frau Marschallin?“
„Nicht ein Sterbenswörtchen hat er erzählt. Aber nennen Sie mich doch bitte Elisabeth!“
Markus hatte in der Tat nichts erzählt, brauchte aber keine Bedenkzeit. Er zog die Brauen hoch, als dächte er „Weiber“, sagte aber: „Ich sehe schon, ich hab hier keine Freundlichkeiten mehr zu erwarten. Wenn es den Damen recht ist, schnappe ich mir den Ernbarger und bitte Martina, herzukommen.“
„Du bist ein Schatz.“ sagte Elisabeth. Sabine lächelte. Markus nickte und murmelte leise: „Und, Ihr seid vieläugige Hexen.“

„Werter Herr Oberleutnant, dürfte ich Sie kurz sprechen – unter vier Augen?“
„Oh“, sagte Ernbarger unerfreut berührt: „Ich kann Martina doch nicht allein hier stehen lassen.“
Markus boxte ihn freundschaftlich zur Seite: „Doch, du kannst.“ Und gab Martina ein (unnötiges) Zeichen, in welche Richtung sie zu verschwinden hätte. Martina gab ihm die achtprozentige Andeutung eines Luftkusses und Markus war sehr zufrieden, diesen als solchen erkannt zu haben.
„Sie ist ein Traum!“
„Vergiss den Traum!“
„Du meinst, ich habe keine Chance“, sagte Ernbarger kämpferisch.
„Gar keine“, gab Markus die Augenbrauen erneut bemühend zurück. „Aber, wenn es dich beruhigt, von den Anwesenden hat, glaube ich, keiner ne Chance.“
Der Oberleutnant verzog den Mund. „Wie ist denn Dein Verhältnis zu den beiden?“
Markus zog die Schultern hoch. „Ganz normal, würde ich sagen. Man kennt sich, man schläft miteinander.“ Er lachte. „Wollen wir uns n‘ Bier holen?“
Ernbarger nickte: „Schnaps!“