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Inka hatte ihr Lied beendet und wechselte auf der Akustikgitarre spielerisch die Melodie, während die Umstehenden vereinzelnd Beifall spendeten. Offenbar war es Mitternacht. Markus erkannte in der neuen Melodie das Schleswig-Holstein-Lied. Einige summten mit, wenige sangen auch. Nach zwei Stunden, in denen sie den musikalischen Rahmen zur Abiturfeier gebildet hatte, sah man Schweißperlen auf ihrer Stirn. In ihre Musik mischte sich nun ein zweites Instrument, eine zweite Gitarre. Sie wurde vom alten Schulverstärker unterstützt. Der zweite Musiker hörte auf den Namen Lev, sein Künstlername war Sid. Aber nur wenige brachten ihn mit Kunst in Verbindung. Sein Spiel beschränkte sich auf wenige Handgriffe, die anfänglich noch in guter Näherung zum Takt von Inka aufgerufen wurden. Mit einer facettenreichen Kombination verabschiedete sich Inka. Der ihr zustehende Applaus ging in Levs Geschrubbe unter. Seine Freundin Nancy, eigentlich Mira, die bis dato ihren rechten Arm um die Hüften geschwungen hatte, blickte nun ins Publikum und führte das Mikrofon an den Mund.
Der General, das ist ein Schwein, ich haue ihm die Fresse ein / Der Präsident, das altes Vieh. Er propagiert die Sodomie!
Etwa eine Oktave tiefer ging es in den Refrain.
Sodomie, Onanie, Masochie
Markus verzog die Augenbrauen, sein Mund stand offen. Während des spannungsgeladenen und lang anhaltenden Wechsels zweier Akkorde mit kleinen Fehlern wandte er sich an Christian. „Masochie?“ Christian hatte die Stirn ebenfalls in Falten gelegt. „Boa, Alter. Ist das schlecht!“ Derweil hatte der Gesang wieder eingesetzt:
Anarchie, Anarchie, Anarchie!
Christian nickte. „Okay, ich besorg ne Flasche Schnaps und du holst Hendrik.“ Markus stimmte zu und wanderte durch den Sand zu einem entlegenen Grüppchen, das um eines der Lagerfeuer saß, und in dem er Hendrik ausgemacht hatte. Schritt für Schritt wurde die Musik erträglicher, und als er die Gruppe fast erreicht hatte, hörte er wieder das Plätschern der Ostsee aus der Darbietung von Lev und Mira heraus. Etwas Qualm vom Feuer zog an seiner Nase vorbei, so dass er sein Päckchen Zigaretten wieder einsteckte. Auch hier hatte man den Wechsel des musikalischen Programms wahrgenommen. Einer bemerkte: „Immerhin mal was Eigenes und nicht immer dieses ewige Rauf- und Runterspielen der Nachkriegsmusik.“ Er saß im Schneidersitz auf einem Handtuch, nickte gefällig und trank aus seiner Bierflasche. Markus setzte sich neben Hendrik und folgte der Unterhaltung. „Das ist nun mal unser kultureller Orientierungspunkt“, rief eines der Mädchen in der Runde. „Wir haben zwar heute Frieden mit der Föderation. Aber im Prinzip ist es wie damals im Kalten Krieg. Unser Lebensgefühl, unsere Wirtschaft, unser Denken entsprechen den siebziger, achtziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts und deswegen hören wir auch gern die Musik und sehen uns die alten Filme im Kino an.“ Markus hielt das für eine ganz gelungene Parodie auf ihren Dänischlehrer und wollte dem Mädchen ein herzliches Lachen hinüberschicken. Aber niemand sonst lachte. Vielleicht meinten sie es ernst, erwog Markus und blickte zu Hendrik. „Was läuft hier denn?“ Hendrik verdrehte die Augen und signalisierte Trinkbereitschaft, während jemand in der Runde über den Untergang der alten Ordnung klagte. Markus gähnte, war aber geneigt, sich hier noch drei Minuten Ruhe vor dem anstrengenden Teil des Abends zu gönnen. „Es lag sicher nur an der Arroganz der Amerikaner. Die haben es einfach verbockt.“ Andreas gab mal wieder ein altes Vorurteil zum Besten, das in solchen Diskussionen immer wieder gerne auftauchte. Er blickte tiefsinnig ins Feuer und reflektierte seine kritischen Worte. Markus rollte mit den Augen. Er unterrichtete Hendrik kurz über Christians Plan. Der nickte erfreut und erklärte, dass er ihn gleich suchen und vorher noch mal bei der Musik vorbeischauen wolle. „Musik?“, fragte Markus. In akzeptabler Entfernung hörte er:
Krieg, du Sau, Krieg du Sau, Kriegst du ihn noch hoch, du Sau?
In Anbetracht von bald zwanzig kriegsfreien Jahren schien der Text auch nur bedingt stichhaltig. Er versicherte Hendrik bald nachzukommen und sah ihm kopfschüttelnd hinterher. Derweil hatte er einen Grund gefunden, noch einen Moment sitzen zu bleiben. Er wandte sich der Runde zu. Jemand sagte gerade: „Neben der Epidemie gab es ja auch noch den Terrorismus und die Wirtschaftskriese. Und die Sachen verstärkten sich gegenseitig. Auf jeden Fall brach dann alles zusammen.“ Markus war dazu übergegangen, Sabine, die etwas links von ihm saß, aus den Augenwinkeln zu beobachten. Ihre Brauen waren ausgeprägt und etwas dunkler als ihre langen Haare. Selbst auf die Distanz erkannte er, dass die Lider und Wimpern dezent getuscht waren. Etwas Rouge betonte die Wangenknochen, das Rot der Lippen war sorgsam verstärkt. Sie war zwar freundlich, sprach aber selten. Markus hatte sie im letzten Sommer am Strand liegend ohne Oberteil gesehen. Er ging zufällig vorbei und hoffte hinterher nicht allzu lange auf ihre flache, aber so wohlgeformte Brust gesehen zu haben. Sie hatte ihm zugelächelt, aber er hatte wohl nur vermocht, gezwungen zu grinsen. „Trotzdem. Da sterben also viele an diesem Virus und die Terroristen versenken ein paar Schiffe, dass den Autobauern irgendwelche Teile fehlen…“ Und so weiter, Punkt, Bindestrich, dachte Markus, dessen Beobachtung durch die Ankunft von Karen Maria in der Runde gestört wurde. Da sie sich fast gegenüber von Sabine platzierte, musste er sich entscheiden. Markus war immer etwas aufgeregt, wenn er sie sah. Im Gegensatz zu Sabine war sie meist brav gekleidet und wirkte eher madonnenhaft als aufregend. Sie hatte sehr dunkle, fast schwarze Haare. Zu denen ihre blauen Augen in Kontrast standen. Er verfolgte das Augenpaar, das sich ein Bild von der Runde verschaffte. „…Sicher, es war ein Strukturproblem. Freie Marktwirtschaft hat halt ihre Vorteile, aber am Ende führt sie in eine Sackgasse. Das Hauptproblem war, …“ Markus’ Blick wanderte zu Sabine. Sie hatte ein Bein angewinkelt vor sich gestellt und lehnte nun, die Hände auf dem Knie, mit dem Kinn darauf. Die Zehen spielten im Sand. Auf der Gegenseite saß Karen Maria im Schneidersitz, die Ellenbogen auf den Oberschenkeln, die Hände geöffnet vor ihr, in der Absicht, einen möglichen Wortbeitrag zu unterstützen. „…Die Föderation wird es nicht wagen, uns anzugreifen. Technologisch sind wir denen um Jahrzehnte voraus.“ Karen Maria lächelte Markus zu. Die Hände blieben untätig, nur ihr Blick unterstützte. „Glaubst du, dass es wieder Krieg geben wird?“
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